Wochenthema: GRAFFITI
and the winner is...
WOCHE 50:
GRAFFITI
Auftraggeberin: Beatrice Bucher
Veröffentlichung: 27. Oktober 2024
Es ist Montagnachmittag in Singapur - die Sonne brennt unerbittlich und die Hitze drückt. Trotzdem mache ich mich auf, um die Graffitiszene der Stadt unter die Lupe zu nehmen. Bereits am Vorabend habe ich mich über das dieswöchige Challengethema informiert. Verschiedene Artikel bestätigen mir, dass Singapurs Graffitikultur stark reguliert ist. So gilt Illegales Sprayen als ernstes Vergehen, denn die Stadt legt grossen Wert auf ihr sauberes und ordentliches Image. Deshalb wird Vandalismus mit mehrmonatigen bis mehrjährigen Haftstrafen und sogar Stockschlägen geahndet. Dies soll als Abschreckungsmittel für potenzielle Straftäter fungieren[1]. Besonders eindrücklich ist die Geschichte zweier Männer aus Leipzig, die vor neun Jahren einen U-Bahn-Wagen illegal besprühten und dafür drei Stockschläge und neun Monate Haft erhielten[2].
Auf meiner Tour fallen mir die Unterschiede zwischen den Vierteln und ihren Wandmalereien auf. In Little India dominiert die farbenfrohe Darstellung von heiligen Kühen und Strassenszenen, die auf das kulturelle Erbe des Viertels hindeuten. Im touristischen Arabischen Viertel erblicke ich die leuchtenden Porträts von Freddie Mercury und Amy Winehouse, welche den internationalen Charakter Singapurs unterstreichen. In Chinatown – inzwischen völlig durchgeschwitzt – entdecke ich das riesige Wandbild einer rauchenden Arbeiterin, welches diesen Frühling von Sean Dunston geschaffen wurde. Es gilt als ein eindrucksvolles Zeugnis der Vergangenheit und will auf das harte Leben der Arbeiterklasse hindeuten[3].
Obwohl ich seit über einem Jahr in der Stadt lebe, hat mich die Vielfalt und Präsenz dieser Graffitikultur überrascht, denn trotz strenger Haltung gegenüber illegalem Graffiti bietet Singapur viel Raum für kontrollierte Kreativität. Die kunstvollen Wandmalereien, die die Viertel prägen, zeigen, dass künstlerischer Ausdruck auch in einem streng regulierten Umfeld gedeihen kann.
Doch dann biege ich in eine unscheinbare Seitenstrasse ab und entdecke etwas Vertrautes: kleine, ungeschliffene Sprayereien, wie ich sie aus der Schweiz kenne. Keine durchgeplanten Wandbilder, sondern rohe, spontane Botschaften. Chaotisch, vielleicht ein wenig rebellisch, strahlen sie einen ganz eigenen Charme aus – wie ein Hauch von Freiheit inmitten all der Regeln...
[1] https://www.reuters.com/article/world/two-germans-to-be-caned-jailed-for-singapore-train-graffiti-idUSKBN0M10DK/#:~:text=SINGAPORE%20(Reuters)%20%2D%20A%20Singapore,on%20a%20commuter%20train%20carriage.[2] https://www.bbc.com/news/world-asia-31744029[3] https://www.channelnewsasia.com/singapore/samsui-woman-mural-smoking-chinatown-no-changes-building-owner-fined-4469331
Wochenthema: SECONDHAND
and the winner is...
WOCHE 49:
SECONDHAND
Auftraggeberin: Christine Felder
Veröffentlichung: 20. Oktober 2024
Das dieswöchige Challengethema wurde mir von Christine Felder persönlich in Auftrag gegeben. Als Besitzerin des Secondhandladens "Tootsies" in Luzern interessiert sie sich sehr dafür, wie sich die Secondhand-Szene in Singapur entwickelt. Christine gründete ihre Boutique bereits 1999 – zu einer Zeit, als Secondhand noch längst nicht so verbreitet war. Die Atmosphäre in ihrem Laden ist stets herzlich und einladend: Man kann nach Herzenslust anprobieren, erhält oft kostenlose Beratung von Fremden und ist schnell in lebhafte Gespräche verwickelt. So entsteht eine dynamische Atmosphäre, in der Secondhand weit mehr ist als nur der Kauf von Kleidung – es wird zu einem sozialen Erlebnis, das Menschen verbindet. Christine selbst hat immer ein offenes Ohr für ihre Kundinnen und Kunden und nimmt aktiv am Geschehen teil.
Und so bin ich – dank Christine – am Mittwochnachmittag mit meiner Freundin Julia auf dem Weg ins touristische Arab-Viertel. Laut meiner Lehrerin Jen soll es dort einige grossartige "Thrift-Stores" geben. Und tatsächlich: Schon bald entdecken wir die Boutique RE.DRMG. Sara, die hier Teilzeit arbeitet, erzählt uns, dass die meisten ihrer Kundinnen und Kunden Teenager und junge Erwachsene sind. Neben den vielen Touristen kommen auch zahlreiche Einheimische in den Laden. Ihre Arbeit, so sagt Sara, sei sehr abwechslungsreich und bereichernd, da sie mit unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch kommt, die ihr oft aus ihrem Leben erzählen.
Secondhand ist in Singapur zwar durchaus verbreitet – auf Onlineplattformen werden Möbel, Handys, Spielzeug und sogar Autos gehandelt. Auch kleinere Läden, die gebrauchte Bücher verkaufen, gibt es in grosser Zahl. Doch während Secondhand-Luxustaschen-Läden wie Pilze aus dem Boden schiessen, haben es Boutiquen, die gebrauchte Kleidung anbieten, noch etwas schwerer. Aus Neugier habe ich auch in meiner Englischklasse nachgefragt und festgestellt, dass sich viele meiner "Classmaids" mit dem Gedanken, Secondhand-Kleidung zu tragen, schwertun. Viele verbinden gebrauchte Kleidung noch mit einem Verlust von Status oder Qualität, und das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist in diesem Bereich noch nicht stark ausgeprägt.
Doch wie WGSN Inside (1) schreibt, verändert sich das Denken der jüngeren Generation spürbar. Diese Generation ist auf der Suche nach Kleidung, die sie in aktuellen Kollektionen nicht finden kann: WGSN-Barometerdaten zeigen, dass 40 Prozent der Generation Z gebrauchte Kleidung kaufen. Dies tun sie, weil sie den Stil bei traditionellen Einzelhändlern nicht mehr finden können. Zudem ist für viele junge Menschen Secondhand-Kleidung nicht nur völlig normal, sondern auch ein bewusster Ausdruck von Umweltbewusstsein und Individualität. Sie sehen in Secondhand nicht das Alte, sondern das Wertvolle, das bewahrt werden sollte.
Es ist faszinierend, wie viel wir als "Konsumgeneration" von der jungen Generation lernen können, wenn es um den achtsamen Umgang mit Ressourcen geht.
Also: Christine wird sich sicherlich über einen Besuch von euch freuen!
(1) https://www.wgsn.com/en/blogs/40-gen-z-turn-resale-find-styles-theyre-looking
Wochenthema: HEIMAT
and the winner is...
WOCHE 48:
HEIMAT
Auftraggeberin: Anna Arioli-Glaus
Veröffentlichung: 13. Oktober 2024
Zwischenzeitlich wohnen wir bereits über ein Jahr in Singapur und fühlen uns hier - in 12 000 Kilometern Entfernung - sehr wohl und heimisch, Der Umstand, dass ich vergangene Woche zu Besuch in der Schweiz war, liess mich intensiver darüber nachzudenken, was Heimat für mich bedeutet.
Am Wochenende nahm ich mir die Zeit, diesem Heimatgefühl mit meiner Kamera auf den Grund zu gehen. Ich zog durch die Stadt, fotografierte die Rathaustreppe, die Kapellbrücke, die Jesuitenkirche, ein majestätisches Dampfschiff und die Touristen, die Luzern bevölkerten. Doch trotz der schönen Bilder war ich nicht zufrieden. Irgendetwas fehlte.
Um einzufangen, wonach ich suchte, machte ich am Montag bei strahlendem Sonnenschein einen Spaziergang über das "Felmis". Ich wanderte vorbei an Bauern, die mit ihren Maschinen Obst zu Saft verarbeiteten. Kühe grasten friedlich, Traktoren ratterten in der Ferne, und überall um mich herum waren Dinge, die für mich Heimat verkörpern: Bergkulissen, Wiesen, alte Scheunen, Naturgegenstände.
Besonders die kleinen Details, die in Singapur fehlen, zogen mich in ihren Bann – winzige Schneckenhäuser, gestapelte Holzbeigen und frisch gefallene Haselnüsse. Fliegen summten über die Wiesen, Kleeblumen und Lampionblumen leuchteten im warmen Licht. Mit all diesen Eindrücken kamen Erinnerungen hoch, Düfte und Geräusche meiner Kindheit, die plötzlich ganz nah waren und mir ein tiefes Gefühl von Heimat schenkten.
Doch trotz all dieser vertrauten Eindrücke wurde mir bewusst, dass Heimat nicht nur aus Orten und vertrauten Details besteht. Es sind vor allem die Menschen, die uns verstehen, Erinnerungen teilen und das Gefühl von Geborgenheit ausmachen. Ob in der Schweiz oder in Singapur – wahre Heimat finden wir in den Herzen derer, die uns nahe sind.
PS: Dank des Internets bleiben wir mit diesen Menschen verbunden – durch Sprachnachrichten, WhatsApp, Videocalls und Fotos, die wir miteinander teilen. Diese Verbindungen überbrücken die Distanzen und schenken uns das Gefühl, trotz aller Entfernung, eng miteinander verbunden zu bleiben. Danke!
Heimat gesucht:
16 Versuche, um Heimat einzufangen...
Heimat Gefunden:
17 - scheinbar - unscheinbare Dinge, die Heimatgefühle in mir ausgelöst haben...
Wochenthema: FLOWERS
and the winner is...
WOCHE 47:
FLOWERS
Auftraggeberin: Margrit Tschudi-Landolt
Veröffentlichung: 6. Oktober 2024
Blumen? Sonnenklar, dass ich für dieses Challenge-Thema, den Botanischen Garten Singapurs aufsuche. Denn als leidenschaftliche Fotografin ist es eine wahre Freude, die Vielfalt der Blumen und Pflanzen durch die Linse einfangen zu dürfen. Vor allem der "National Orchid Garden", der mit über
60 000 exotischen Pflanzen weltweit die grösste Orchideensammlung der Welt umfasst[1], begeistert mich. Die filigranen Blüten, die im schillernden Farbenmeer erstrahlen, bieten eine endlose Quelle der Inspiration.
Doch es ist nicht nur die Schönheit der Pflanzen, die mich fasziniert, sondern auch die reiche Geschichte dieses Ortes. Seit seiner Gründung im Jahr 1859 hat der Botanische Garten eine zentrale Rolle in der Erforschung und Erhaltung tropischer Pflanzen gespielt. Es ist eindrücklich zu wissen, dass ich an einem Ort fotografiere, der seit über 150 Jahren Botanikerinnen und Pflanzenliebhaber inspiriert. Besonders die Tatsache, dass der Garten 2015 als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde, verleiht jedem Besuch eine besondere Bedeutung[2].
Kein Wunder, dass diese Naturoase zu jedem Singapur-Besuch dazugehört. Der Park, der von 5 Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet ist, zieht jährlich 4.2 Millionen Besucherinnen und Besucher an und ist damit der meistbesuchte botanische Garten der Welt[3]. Und auch bei mir wächst bei jedem Schritt durch die geschichtsträchtigen Alleen oder entlang der farbenprächtigen Beete, meine Begeisterung weiter...
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Singapore_Botanic_Gardens
[2] https://www.visitsingapore.com/de_de/see-do-singapore/nature-wildlife/parks-gardens/singapore-botanic-gardens/
[3] https://www.geo.de/reisen/reiseziele/singapore-botanic-gardens_30116274-30167412.html